Äbtissinnenweihe von Mutter Marianne Zürcher
Abtei Maigrauge, 3. September 2011
Lesungen: Jesaia 55,8-11; Galater 5,22-25; Johannes 17,17-21.26
Liebe Mutter Marianne, liebe Mutter Gertrud, liebe Gemeinschaft der Maigrauge,
Liebe Brüder und Schwestern, liebe Freunde der Maigrauge.
Wir feiern jetzt die Liturgie der Äbtissinnenweihe: Im Namen der Kirche und der
monastischen Tradition übertragen wir auf Mutter Marianne den Segen Gottes für das ihr
anvertraute Amt. Die Äbtissinnenweihe ist kein Sakrament, sondern die feierliche Bitte an
Gott, er möge Mutter Marianne den besonderen Segen spenden, damit sie ihre Berufung als
Getaufte und Ordensfrau im Rahmen der besonderen pastoralen Verantwortung als Mutter
in ihrer Gemeinschaft und im Zisterzienserorden leben kann.
Der heilige Benedikt will nicht, dass in der Person des Abtes oder der Äbtissin ein
Dualismus entsteht zwischen der Berufung zum monastischen Leben und der Berufung zum
Amt. Durch die Wahl der Gemeinschaft, die von der Kirche bestätigt worden ist, wird Mutter
Marianne dazu bestellt, in der Gemeinschaft ihrer Mitschwestern eine Schwester-Äbtissin
zu sein. Und das ist eine besondere Berufung. Diese Einheit zwischen dem Schwestersein
und dem Äbtissinsein ist deshalb möglich, weil eine monastische Gemeinschaft ein
besonderer kirchlicher Leib ist, in welchem die Identität eines jeden vor allem die Identität
des Gliedes an diesem Leib ist. Was auch immer jedes Glied im Dienst dieses ganzen Leibes
zu tun berufen ist, entspricht der Natur dieses Gliedes, ob das nun ein Dienst während einer
begrenzten Zeit oder während des ganzen Lebens ist.
Der heilige Benedikt ist sich dessen so eindringlich bewusst, dass er nicht nur Äbte und
Äbtissinnen oder Mönche und Nonnen an ihrem Professtag segnen lässt, sondern jede noch
so geringe Tätigkeit, welche die Glieder der Gemeinschaft ausüben, wie zum Beispiel den
Wochendienst in der Küche oder bei Tisch.
Was gibt der Segen Gottes unserer Person, unserem Leben, unserer Tätigkeit? Der Segen ist
ein Wort, ein Wort Gottes, ein wohlwollendes Wort, welches ausspricht was gut, was richtig
und was schön ist, und es dadurch erschafft. „Niemand ist gut ausser Gott!“ sagte Jesus zum
reichen Jüngling (Mk 10,18). Und gerade, weil Gott gut ist, segnet er, überträgt und schenkt
er seine Güte seinen Geschöpfen, indem er sein Wohlwollen über sie ausspricht.
Wir haben es eben in der Lesung des Jesaja-Textes gehört: „Denn wie der Regen und der
Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie
zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so
ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück,
sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes
55,10-11)
Der Segen Gottes kann nicht fehlgehen; er schafft unweigerlich das Gute und das Schöne im
Empfänger, über dem er ausgesprochen wird.
Ich habe entdeckt, dass es in unserem Orden manchmal Brauch ist, die Vorgesetzten,
besonders die Äbtissinnen, nicht mehr zu segnen, wenn sie für eine begrenzte Zeit gewählt
worden sind. Man sagt, es lohne sich nicht, wenn die Amtszeit nur ein paar Jahre dauert.
Was für eine sonderbare Überlegung! Diesen Gott, der bei der Erschaffung der Welt bei
jedem Grashalm innehält, um ihn zu segnen, diesen Gott also sollte man nicht mit der Weihe
einer Äbtissin behelligen, weil sie ja doch nur für ein paar Jahre gilt? Warum wollen wir
diesen Gott, der mit jedem Wort nur Gutes spricht, der mit jedem Wort segnet, durch unsere
Zensur zurückhalten? Jeder Abt, jede Äbtissin muss geweiht werden, ob ihre Amtszeit nun
kurz oder lang sei. Denn das Amt selbst eines Abtes, einer Äbtissin soll ein gutes Wort sein,
das Gott ausspricht, also ein Wort Gottes, das die Sendung erfüllt, mit welcher Gott es
betraut, was auch immer geschehen mag.
Denn der Abt, die Äbtissin „vertritt im Kloster die Stelle Christi“, sagt der heilige Benedikt
(RB 2,2), und Christus ist das Mensch gewordene Wort, der Logos, der unter uns
gegenwärtig ist, um uns seine Liebe zu schenken und uns zu erlösen. In IHM und durch IHN
begegnen sich Wahrheit und Liebe, Agape und Logos umarmen sich, um unser Heil
hervorzubringen, unser erlöstes Leben. Der heilige Paulus hat dafür eine packende
Formulierung: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (Ep 4,15).
„Liebe und Wahrheit“, Ihr Wahlspruch, liebe Mutter Marianne, ist der Ausdruck des
mütterlichen Herzens jeder Aufgabe im Dienst der Kirche; von hier aus wird jeder pastorale
Dienst segensreich durch die Fruchtbarkeit, die der barmherzigen Liebe Christi eigen ist.
Die Liebe Christi, das Herz Christi lässt uns geboren werden aus der Vereinigung der Liebe
und der Wahrheit in IHM und durch IHN. Und es ist gerade diese Einheit, die der heilige
Geist uns schenkt, der Geist der Liebe und der Weisheit, der uns das göttliche Leben gibt.
„Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen“, schreibt der
heilige Paulus den Galatern (5,25). Wir können das wie folgt übersetzen: Weil der Geist uns
das Leben gibt, weil er unser Leben liebt, lassen wir uns von ihm führen durch die
Wahrheit, durch das Licht des Wortes, das er zu uns spricht.
Die Abschiedsrede des Herrn beim letzten Abendmahl ist der höchste gesprochene
Ausdruck seiner Liebe. Jedes Wort dieser Rede brennt vor Liebe für seine anwesenden
Jünger, für die künftigen Jünger, für die ganze Menschheit. Der heilige Johannes schildert
uns aber einen plötzlichen Umschwung in dieser Szene: die Rede Jesu wird zum Gebet.
Deshalb erhebt Jesus seinen Blick, den er bisher auf seine Jünger gerichtet hatte, zum Vater.
„Dies sagte Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach: ‚Vater …’“ (Joh 17,1).
Zu Beginn des Abends hatte Jesus seinen Blick auf die Füsse seiner Jünger gelenkt, um sie zu
waschen. Er sass mit ihnen zu Tisch und sprach zu ihnen, indem er ihnen in die Augen
schaute. Und jetzt erhebt die Dynamik seines liebenden Blickes alles, was er gesehen hat,
zum Vater. Sein Wort wird Gebet. Seine Unterweisung wird Gebet. Und sein Gebet wird zur
tiefsten Unterweisung, in welcher die Liebe und die Wahrheit seines Wesens und seines
Lebens sichtbar, vernehmbar sich vereinigen, um uns in der Dreieinigkeit die Quelle und
das Ziel seines Lebens und unseres Lebens zu offenbaren, unseres Lebens in IHM, durch
IHN, mit IHM.
„Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins
sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,20-21)
Das ganze Wesen, das ganze Programm, die ganze Sendung der Kirche und jeder kirchlichen
Gemeinschaft wie der eines Klosters, ist in diesen Worten enthalten. Das Wort Christi, das
uns die Kirche weitergibt, bringt den Glauben hervor; der Glaube bringt die Einheit der
Menschen in der dreifaltigen Einheit Gottes hervor; die Einheit der Menschen im
dreifaltigen Gott führt die Welt zum Glauben an Jesus Christus. Und alles fängt vom
Ursprung her neu an, wie eine riesige Spirale der Liebe und der Wahrheit, der communio
und des Glaubens, welche alle Jahrhunderte und alle Völker erfasst, um die ganze
Menschheit im Heil Christi zu umfangen.
Eine monastische Gemeinschaft, mag sie auch noch so klein sein, widerspiegelt diese
ungeheure Dynamik des Heils, so wie ein winziger Wassertropfen das ganze Sonnenlicht
reflektiert. Auch in einer solchen Gemeinschaft erzeugt die Wahrheit Christi, der zu uns
spricht, den Glauben an die Macht seiner Liebe, die uns untereinander verbindet im
Einssein Christi mit dem Vater und dem Geist. Und diese Einheit strahlt die Wahrheit der
Liebe Christi in die Welt hinaus, so wie ein Wassertropfen die Sonne ausstrahlt.
Wir sind in dieses Geheimnis hineingenommen; deshalb vermögen wir es nicht zu erfassen.
Aber Jesus offenbart uns alles in seinem Gebet zum Vater. Er lehrt uns, dass der wahre
Raum des Geheimnisses das Gebet ist. Das Gebet ist sein Ort und sein Licht, seine Stätte und
seine Offenbarung. Das Gebet Christi ist im Grunde genommen das vollständige, das ganze
Geheimnis; es ist im Grunde genommen die Dreifaltigkeit in ihrem Leben und in ihrer
Hingabe. Und Jesus betet für uns, er betet für alle. Seit Ewigkeit sind wir eingeschlossen im
Gebet, das der Sohn zum Vater spricht. Wir müssen nur hinhören, wie Christus für uns und
in uns betet in den Psalmen, in der Liturgie, in der Eucharistie, und im Innersten unseres
Herzens, wo er „Abba, Vater!“ ruft.
Das Gebet Christi ist der grosse, weltumfassende Segen, der uns in jedem Segen erreicht,
der Ihnen, liebe Mutter Marianne, heute zusammen mit Ihren Mitschwestern in besonderem
Mass zuteil wird.
„Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die
Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.“ (Joh 17,26)
Wie können wir da noch Angst haben, es an Liebe fehlen zu lassen in unserem Amt als Abt,
als Äbtissin oder in irgend einer anderen Berufung, wenn Christus den Vater schon darum
gebeten hat, die Liebe, mit welcher der Vater ihn liebt, in uns hineinzulegen? Und dieses
Gebet ist ja schon erhört! Wie können wir da noch Angst haben „im Kloster die Stelle Christi
zu vertreten“, wenn seine Bitte, dass ER selber in uns seinen Platz einnehme, schon erhört
ist?
Gott sei gedankt, liebe Mutter Marianne, dass er Sie, dass er uns so reichlich segnet!
Fr. Mauro-Giuseppe Lepori
Generalabt OCist