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Morgenstund´ hat Psalm im Mund
Von Siegfried Ostermann / Kipa
Freiburg, 24.5.10 (Kipa) Vier Uhr früh. Die finstere Nacht wird durch das fahle Licht der Strassenlaternen erhellt. Einige wenige Autos suchen den Weg nach Hause - oder schon zur Arbeit. Die letzten Nachtschwärmer gehen mit schweren Schritten heimwärts, um Ruhe für den Rest der Nacht zu finden. In einer Biegung der Saane in Freiburg ist Nachtruhe ab 21 Uhr - so lautet auf Französisch und Deutsch der Hinweis auf die klösterliche Ruhe bei den Zisterzienserinnen in der Magerau, vielen besser bekannt unter dem französischen Namen Maigrauge. Unterstrichen wird der Sonderstatus durch das Fehlen der Strassenlaternen. So ruht das Kloster in Stille und Dunkelheit. Einige wenige Fenster sind schon erhellt. Die Nachtruhe ist hier zu Ende.
Der Kies knirscht unter den Schuhen auf dem Weg an der Kirche entlang zum Seiteneingang. Ein paar Stufen führen hinab in das Innere der spärlich erhellten Kirche. Zwei Scheinwerfer beleuchten das freistehende Kreuz im Altarraum und werfen links und rechts je einen Kreuzschatten an die gerade Chorwand. So erinnern die Schatten an die beiden Schächer, die beidseits von Jesus gekreuzigt wurden. Die Osterkerze brennt, und vor der Marienstatue leuchtet ebenfalls eine Kerze, in der Mitte der Altar aus grauem Sandstand.
Rechts neben dem Altar steht das offene Ostergrab. Es ist eine getreue Kopie des fast 700 Jahre alten Ostergrabes, das mit figürlichen Szenen gestaltet ist. Der offene Deckel und das heraushängende weisse Tuch sind Zeichen der Osterbotschaft: Christus ist von den Toten auferstanden. Er ist schlicht, der Kirchenraum, und um diese Zeit in noch tiefere Stille gehüllt als sonst.
Konzentration und Sammlung
Auf den Stühlen im Kirchenschiff haben schon einige Frauen und Männer Platz genommen, und es werden trotz der frühen Morgenstunde noch mehr. Kaum hörbar nehmen die Schwestern ihre Plätze im Chorgestühl ein. Es ist im hinteren Teil der Kirche und mit seinen zahlreichen geschnitzten Figuren und Ornamenten ein weiterer Schatz des Klosters. Vierzehn Schwestern umfasst die Gemeinschaft der Zisterzienserinnen der Magerau, zusammengesetzt aus fünf Nationen. Aus Alters- oder Krankheitsgründen kommen nur acht Schwestern zur Vigil, dem ersten Gebet der kirchlichen Tagzeitenliturgie.
Die Vigil beginnt um 4 Uhr morgens. Der Name Vigil leitet sich aus dem Lateinischen vigilare (wachen, wach bleiben) her. Bekannt ist diese meditative Gebetszeit auch als Matutin (lateinisch matutinus = morgendlich), von dem sich das deutsche Wort Mette herleitet.
Mit dem dreimaligen Ruf: "Herr, öffne meine Lippen" und mit einem grossen Kreuzzeichen wird die Gebetszeit vor Tagesbeginn eröffnet: "Damit mein Mund Dein Lob verkündet." Die Schwestern singen und beten Französisch und Latein. Der Psalm 95 ist Invitatorium, Einladung zum morgendlichen Gebet: "Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn." Nach dem anschliessenden Hymnus folgen zwei Nokturnen: je drei Psalmen mit einer abschliessenden Lesung.
Von Bettwärme ist nichts zu spüren
Beim "Ehre sei dem Vater" stehen alle auf und verneigen sich. So kommt zum Rhythmus des Gebetes auch ein Rhythmus der Bewegung. Einen Teil der Psalmen singen die Schwestern, einen Teil rezitieren sie. Sie lassen sich Zeit, sie nehmen sich Zeit. So manche Lektorin und so mancher Lektor kann sich ein Beispiel am Vortrag der Lesungen nehmen.
Der gregorianische Gesang der Gemeinschaft ist kräftig und klar. Er zeugt von einer Routine, die sich in einer jahrelangen Praxis entwickelt hat, keineswegs aber ausgeleiert ist. Von einer Bettwärme ist nichts zu spüren, mehr von einer Betwärme. Das Gebet ist typisch monastisch geprägt mit viel Stille und Ruhe, um das Hören auf Gottes Wort zu ermöglichen, einem zentralen Anliegen der Zisterzienserinnen.
Offen für die Menschen
Im Anschluss an die Vigil werden die Anwesenden zu einem Kaffee und zum Zusammensein eingeladen. Es ist nämlich die Nacht der Klöster. Schon bald stehen die Schwestern mit den Eingeladenen in kleinen Grüppchen zusammen. Der persönliche Austausch ist wichtig, denn viele der anwesenden Frauen und Männer gehören zu denen, die hier eine spirituelle Heimat gefunden haben. Die Klosterkirche, die ein Ort des Gebetes, der Ruhe und des Friedens ist - so lautet die Einladung am Seiteneingang - leistet einen bedeutenden Beitrag dazu.
Bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Chorgestühl auf einer Empore - und die Schwestern konnten hinter Gittern versteckt die Liturgie nur aus der Ferne verfolgen. Die Empore ist verschwunden, das Chorgestühl nun geerdet und die Klostergemeinschaft offen für die Begegnung.
"Sie können es sich nicht vorstellen", erklärt eine Schwester ,"was es bedeutet hat, die Osterfeier nur aus der Ferne zu erleben. Wenn es gut ging, konnte ich gerade noch die Glatze des Priesters sehen. Und jetzt können wir aktiv daran mitwirken."
Es ist diese besondere Mischung, die die Menschen hier mit den Zisterzienserinnen feiern lässt: die Ruhe, die der nüchterne Kirchenraum ausstrahlt, die benediktinisch geprägte Liturgie, die authentische Lebensweise der Klostergemeinschaft und das stete Gefühl, willkommen zu sein. Die Magerau ist schlicht ein Ort, um aufzutanken; auch schon um vier Uhr früh.
Auf dem Weg von der Kirche weg knirscht wieder der Kies unter den Schuhen. Am Ausgang wird man nochmals willkommen geheissen: Diesmal im kleinen Klosterlädeli, denn der Mensch lebt nicht nur vom Gebet allein.
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